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Die Entwicklung des ganzen Kindes fördern – mit Hilfe der Suzuki-Methode.

Jeanne Luedke


Jeanne Luedke ließ sich an Dr. Suzukis Talenterziehungs-Institut in Matsumoto zur Suzuki-Pädagogin ausbilden. Im Anschluß an ihre Tätigkeit als Suzuki-Lehrerin  und -Ausbilderin widmet sich sich heute vor allem dem Suzuki-Elterntraining.


Wenn wir Kinder ein Musikinstrument mit Hilfe der Suzuki-Methode erlernen lassen, erhalten wir gleichzeitig die Möglichkeit, Fertigkeiten in unseren Kindern zu fördern, die sich für sie auch im späteren Leben als wertvoll erweisen können. Die Suzuki-Methode wird somit selbst zu einem Instrument zur Entwicklung des ganzen Kindes. In diesem Artikel habe ich mich auf acht Fähigkeiten konzentriert, die über das Erlernen eines Instruments mit dieser Methode entwickelt werden. Jede einzelne dieser Fähigkeiten für sich genommen lohnt bereits den Aufwand eines mehrjährigen Unterrichts. In der Suzuki-Philosophie werden die Begriffe Fähigkeit und Talent synonym verwendet für die Fähigkeit, in einer bestimmten Situation zu denken, zu handeln und zu fühlen. Dies bedeutet, dass das Kind durch Suzuki nicht nur lernt, den richtigen Ton zu treffen, sondern auch, rücksichtsvoll oder glücklich zu sein. Die Eltern der Kinder versuche ich in meinen Seminaren dadurch zu überzeugen, dass ich hervorhebe, welche große Bedeutung der Suzuki-Methode bei der Entwicklung der folgenden acht Fertigkeiten in ihren Kindern zukommt.


Die Fähigkeit zu hören

Durch den Suzuki-Unterricht lernen Kinder hinzuhören und erschließen sich damit eine zusätzliche Informations- und Wissensquelle. Kinder, die aufmerksam zuhören, sind gut in der Schule. Kinder, die außerdem durch längeres Arbeiten mit der Suzuki-Methode an gezieltes Zuhören gewöhnt sind (und das heißt, sich selbst beim Spiel konzentriert zuzuhören), haben eine auch in anderen Lebensbereichen nützliche Fähigkeit erworben. Letztlich hängt die Fähigkeit, im privaten wie auch im beruflichen Bereich gute Kontakte zu entwickeln, ganz wesentlich davon ab, ob man in der Lage ist zuzuhören.

Ich habe einige meiner älteren Schüler gefragt, inwieweit ihnen die durch die Suzuki-Methode vermittelte Fähigkeit des Zuhörens in anderen Situationen weitergeholfen hat. Paul (14 Jahre) beantwortete diese Frage wie folgt: „Durch die Suzuki-Methode habe ich gelernt, meinen Lehrer oder Trainern besser zuzuhören. Ich passe besser auf, und die Schule fällt mir leichter.“ Ein anderer Schüler antwortete: „Seit ich vier bin, lerne ich Klavier mit der Suzuki-Methode, und für mich besteht ein großer Unterschied zwischen Suzuki-Schülern und Schülern, die diese Methode nicht kenne. Die meisten meiner Klassen-kameraden oder Freunde beim Sport reden einfach weiter, wenn der Lehrer etwas erklärt, und hören auch nicht hin, wenn Mitschüler etwas sagen. Den meisten Menschen scheint es überhaupt leichter zu fallen zu reden als zuzuhören. Wenn ich jedoch mit Suzuki-Schülern zusammen bin, stelle ich fest, wie gut sie zuhören können, wahrscheinlich, weil sie es seit vielen Jahren gewohnt sind, sich auf Musik einzustimmen. Das erklärt sicher auch, warum sie auch in der Schule bessere Schüler sind. Außerdem macht es mehr Spaß, mit ihnen zusammen zu sein.“


Die Fähigkeit zu beobachten und nachzuahmen

Suzuki-Schüler erlernen ihr Instrument dadurch, dass sie ihre Eltern und Lehrer beobachten und nachahmen. Dr. Suzuki hatte mit seiner Idee, Kinder Musik ebenso erlernen zu lassen, wie sie auch ihre Muttersprache lernen, im Grunde nur die Gesetze der menschlichen Natur befolgt. Daniel Kohut, Professor für Musik an der Universität Illinois, USA, hat sich eingehend mit Lernprozessen befasst, die auf Beobachtung und Nachahmung beruhen. „Durch Imitation“, sagt er „wird versucht, im Gehirn gespeicherte Bilder zu reproduzieren und in die Wirklichkeit umzusetzen. Einfacher ausgedrückt, bedeutet dies nichts anderes, als andere nachzuahmen... Wie aber erwerben wir die Fähigkeit zur Nachahmung? Es ist eine Fähigkeit, die nicht erworben werden muß. Wir besitzen sie bereits von Geburt an, denn ohne sie hätten wir noch nicht einmal gelernt, zu gehen und zu sprechen.

Mit der Fähigkeit zur Imitation besitzen wir ein sehr wichtiges Hilfsmittel, über das wir mit unserer Umgebung interagieren und uns auf unsere Umwelt einstellen... Um aber imitieren zu können, benötigen wir ein Verhaltensmuster. Können Sie sich vorstellen, Rad fahren zu lernen, ohne jemals einen anderen Menschen hierbei beobachtet zu haben? Man würde es sicher irgendwann herausbekommen, aber warum sollte man es sich unnötig schwer machen? Gleiches gilt auch und sogar noch mehr für komplexere Fähigkeiten, wie das Beherrschen eines Musikinstruments. Die Natur hat und Augen und Ohren gegeben und uns damit mit ungeahnten Möglichkeiten ausgestattet: Es liegt an uns, diese Möglichkeiten im Sinne der Natur zu nutzen.“1

Wir wissen, dass Kinder so grundlegende Fähigkeiten wie Laufen, Sprechen, Sich-Anziehen und Essen mit großem Erfolg durch Beobachtung und Nachahmung erwerben. Fähigkeiten wie Tennis- oder Basketballspielen, Fahrradfahren, Skifahren, Aerobics usw. sollten auf die gleich Art und Weise vermittelt werden. Als unsere Gruppe sich in einer meiner letzen Aerobics-Stunden verzweifelt bemühte, neue Schritte einzuüben, die uns unser Leiter in allen Einzelheiten zu erklären versuchte, konnte ich mich nicht zurückhalten und bat ihn, uns doch, statt lange zu reden, einfach vorzumachen worum es ging.  Sobald uns seine Erläuterungen nicht mehr davon abhielten, uns darauf zu konzentrieren, was wir sahen, lernten wir die Schritte sehr schnell. In den meisten Fällen bedarf es nur sehr weniger Worte, um sich Fähigkeiten anzueignen.

Auf meine Frage, ob die durch die Suzuki-Methode erworbene Fähigkeit des Beobachtens und Imitierens auch in anderen Lebensbereichen nützlich sein könnte, meinte einer meiner Schülerinnen (13 Jahre): „Viele meiner mit dieser Methode nicht vertrauten Mitschüler und Mitschülerinnen sind nicht in der Lage, Feinheiten zu erkennen, das heißt, Dinge mehr als nur oberflächlich zu betrachten. Neulich hielt eine Mitschülerin in der Schule einen Vortrag, und ich habe sie dabei genau beobachtet. Mir hat dies sehr geholfen, da ich bei beobachtete Techniken für meinen eigenen Vortrag nutzen konnte. Ich glaube, durch das Erlernen eines Musikinstruments, wo es gilt, viele Kleinigkeiten zu perfektionieren, habe ich gelernt, auf Feinheiten zu achten.“ Eine gute Beobachtungsgabe scheint für Lernprozesse im allgemeinen förderlich zu sein.


Die Fähigkeit, sich etwas zu merken

Der erste Zugang zur Musik erfolgt für Suzuki-Schüler über die Ohren. Erst wenn sie gelernt haben, Noten zu lesen, prägen sie sich die Musik auch über die Augen ein. Aus mehr als 25jähriger Erfahrung weiß ich, dass sich die Fähigkeit, sich Klangmuster einzuprägen, auch auf Geschriebenes übertragen lässt. Ich stelle immer öfter fest, dass Suzuki-Schüler ein sehr gutes visuelles und auch auditives Gedächtnis haben. Möglicherweise lernt das Gehirns, in Mustern zu denken, wobei es keiner Rolle spielt, ob diese Muster visuell oder auditiv geprägt sind. Suzuki-Schülern, für die der Zugang zunächst auditiv erfolgt, scheint es jedenfalls viel leichter zu fallen, sich Gedrucktes zu merken.

Meine insbesondere an meine älteren Schüler gerichtete Frage, ob sie ihre Merkfähigkeit auch für den Unterricht in der Schule nutzen könnte, wurde mit einem klaren „ja“ beantwortet. Ein Schüler meinte hierzu: „Ich kann mir fast alles sehr schnell merken. Ich lerne für Arbeiten, indem ich mir die Texte einige Male durchlese – das reicht, um mir den Inhalt einzuprägen.“ Ein anderer Schüler verweist auf sein gutes Gedächtnis: „Es fällt mir leicht, mit Anleitungen und Termine zu merken. Ich kann an wissenschaftlichen Begriffen nicht Schwieriges finden. Ohne Suzuki-Unterricht wäre das alles ganz anders, dann wäre ich wie meine Mitschüler, die sich den Unterrichtsstoff nur mit Mühe merken können.“

In einem Seminar, an dem über siebzig Eltern teilnahmen, wollte ich wissen, was für sie die wichtigste Fähigkeit sei, die die Kinder durch ihre Erfahrung mit der Suzuki-Methode erwerben. Für achtzig Prozent der Eltern was das die Fähigkeit, sich etwas zu merken.


Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren

Gute Konzentrationsfähigkeit ist Gold wert und deshalb das erste, was ich versuche, in meinen Schülern zu entwickeln. Die ersten Unterrichtsstunden, in denen das Kind kaum länger als einige Minuten wirklich am Instrument bleiben kann, sind entscheidend für die Entwicklung dieser Fähigkeit. Ein Kind, das zum Üben gezwungen wird, obwohl Interesse und Aufmerksamkeit bereits nachlassen, wird lernen sich nicht zu konzentrieren. Da die Konzentrationsfähigkeit ganz wesentlich die Qualität der von einem Kind erbrachten Leistung bestimmt, aber auch wie schnell es einen Gedanken erfasst und behält, ist diese Fähigkeit wahrscheinlich die wichtigste Einzelbegabung, die ein Kind entwickeln kann.

Meine Tochter Tracy führt ihre Fähigkeit, sich voll und ganz auf etwas zu konzentrieren, auf den Kla-vierunterricht in ihrer Kindheit zurück. Sie weiß jetzt, als junge Erwachsene von 26 Jahren, dass sie damals beim Klavierspiel das erste Mal diese vollständige Ausrichtung von Geist und Körper erfahren hat, einen Zustand absoluter Konzerntration, den auch Leistungssportler an sich erfahren – in dem die Dinge ganz natürlich ablaufen und in dem man mühelos und nahezu unbewusst agiert. Im Grunde heißt dies, ganz in sein Konzentriertsein zu versinken, so dass man alle und alles um sich herum vergisst und so Unmögliches auf ganz natürliche Art vollbringen kann. In diesem Zustand ist es möglich, das, wozu man im Augenblick in der Lage ist, auch zu leisten. Den meisten Menschen ist es nicht möglich, den Punkt zu erreichen, an dem sie ihr Potential voll ausschöpfen, da sie diesen Zustand vollständigen Konzentriertseins nie erfahren. Suzuki-Kinder lernen, sich in ihrer Konzentration zu verlieren, wenn ihre Konzentrationsfähigkeit früh entwickelt wird.

Als Suzuki-Lehrer mache ich in den ersten Stunden Übungen mit meinen Schülern, die ihnen helfen, die körperliche Erfahrung des Kon-zentriertseins mit dem Wort selbst zu verbinden. Ist diese Verbindung erst einmal hergestellt, brauchen Eltern oder Lehrer nur noch zu sagen, „konzentriere dich bitte“, und der Schüler wird in der Lage sein, die ganze Energie auf die anstehende Aufgabe auszurichten. Andererseits habe ich erfahren, dass die Aufforderung zur Konzentration ohne Ergebnis bleibt, so lange das Kind nicht gelernt hat, dieses Wort mit einem körperlichen oder geistigen Zustand zu verbinden.


Die Fähigkeit, sich darzustellen

Eine weitere Fähigkeit, die Suzuki-Schüler entwickeln, ist die Fähigkeit, sich darzustellen. Für die Schüler bedeutet dies, genug Selbstvertrauen zu haben, andere in einer Aufführung oder in einem weniger offiziellen Rahmen daran teilhaben zu lassen, was sie selbst können oder wissen. Kinder, die gelernt haben vor Publikum zu musizieren, gewinnen damit Sicherheit und Selbstbeherrschung, eine für die Kinder sehr wertvolle Erfahrung, die ihnen viele alltägliche Begebenheiten ganz natürlich erscheinen lässt. Die im Vorspielen gewonnene Sicherheit lässt die Kinder ihre Befangenheit oder Scheu im Umgang mit Fremden und mit unbekannten Situationen vergessen.

Ich versuche meinen Schülern zu vermitteln, dass ihr Spiel für andere ihnen selbst hilft, mutig und stark zu sein. Ich sage ihnen, dass sie durch wiederholtes Vorspielen ihre Unsicherheit überwinden lernen, so dass es nach einigen Jahren der Erfahrung kaum noch etwas gibt, vor dem sie Angst haben. Das Auftreten vor anderen fördert Mut, Selbstvertrauen und Selbstbeherrschung.

Meine 17jährige Schülerin Jodie Lee beantwortete meine Frage nach dem größten Gewinn, den sie aus dem Suzuki-Unterricht gezogen hat, mit der „Fähigkeit, vor anderen aufzutreten“, und sie fügte hinzu: „Ich glaube auch, dass meine schulischen Leistungen ganz wesentlich mit meiner Erfahrung als Suzuki-Schülerin zu tun haben.“ Dies ist ein großartiges Kompliment für diese Methode, schließlich hat sie in ihren Abschlussarbeiten hervorragende Noten geschrieben und wird die Schule als eine der fünf besten Schüler und Schülerinnen abschließen. Als ich Jodies Mutter fragte, ob sie die Suzuki-Methode lediglich als eine Möglichkeit sieht, ein Musikinstrument zu erlernen oder ob diese Methode die gleiche Bedeutung auch in anderer Hinsicht hat, meinte sie: „Sie hat die größte Bedeutung in anderer Hinsicht. Sie (meine Kinder) haben Selbstdisziplin und Sicherheit sowie Konzentrations- und Merkfähigkeit erworben, und sie haben gelernt, sich unter Druck darzustellen – Fähigkeiten, auf die sie in allen Lebenssituationen zurückgreifen können.“


Die Fähigkeit, sich selbst zu disziplinieren

Jeder Erfolg setzt als wesentliches Element Disziplin voraus, und die Suzuki-Methode ist ein Weg, auf dem ein Kind Disziplin erlernen kann. Ein Kind lernt am besten, etwas regelmäßig zu tun, indem es dies regelmäßig tut. Man kann dies auch Übung nennen, wodurch sich im Laufe der Zeit einer gewisse Disziplin entwickelt. Hat ein Kind Disziplin in einem Bereich wie dem täglichen Üben erworben, ist es nur eine Frage der Zeit, und die Eltern werden feststellen, dass das Kind diese Fähigkeit auch in anderen Bereichen zeigt.

Suzuki sagt:“ Eltern haben die Pflicht, das Kind in seinem Bestreben zu unterstützen.“2 Ich glaube, Disziplin  bei einer Aufgabe oder Tätigkeit ergibt sich aus der Summe von Einzelschritten, die damit beginnen, dass die Eltern in ihrem Kind den Wunsch erzeugen zu lernen und beteiligt zu sein. Ich denke bei Disziplin an eine Kette von Ereignissen, die sich im Rahmen der Suzuki-Methode wie folgt darstellen:


  1. Eltern erzeugen den Wunsch zu lernen, und das Kind will etwas üben und lernen.

  2. Wenn das Kind üben möchte, wird es weiter üben wollen und entwickelt damit eine Gewohnheit des Übens.

  3. Wenn Gewohnheiten entwickelt werden, die eine Wiederholung von einzelnen Schritten mit sich bringen, wird eine Fähigkeit entwickelt.

  4. Wenn eine Fähigkeit entwickelt wird, wird die Aufgabe leicht und kann mühelos ausgeführt werden.

  5. Wenn die Aufgabe leicht wird, empfindet das Kind Freude an der ausgeübten Tätigkeit.

  6. Wenn das Kind Freude an einer Tätigkeit und Zufriedenheit empfindet, beginnt es, die Fähigkeit, diese Tätigkeit ausüben zu können zu schätzen.

  7. Wenn das Kind die Fähigkeit eine Tätigkeit auszuüben schätzt, wird es bewusst oder unbewusst Verantwortung übernehmen und eine gewisse Verpflichtung empfinden.

  8. Wenn eine Kind akzeptieren kann, dass es sich verantwortlich und verpflichtet fühlt, und wenn diese Begriffe sich mit einer bestimmten Tätigkeit verknüpfen, können wir sagen, dass es in dieser Tätigkeit Disziplin entwickelt hat.


Die meisten Menschen zeigen nicht im umfassenden Sinne Disziplin; wir lernen vielmehr, in einer Tätigkeit nach der anderen diszipliniert zu sein, wobei wir mit dem beginnen, was uns am meisten Freude bereitet. Eltern haben den Schlüssel dazu in der Hand, dass ihr Kind diszipliniertes Handeln erlernt. Sie haben die größten Möglichkeiten, das Wesen ihres Kindes zu beeinflussen und können diese Kette von Einzelschritten in Gang setzen.


Die Fähigkeit, Ausdauer zu entwickeln

Kinder wollen sich in schwierigen  Situationen bewähren, und sie wollen ihren Eltern Freude bereiten. Deshalb können Eltern ihrem Kind in der Entwicklung von Ausdauer und Geduld eine ganz wichtige Hilfestellung geben. Wenn wir es verstehen, ihnen mit Humor und Liebe über die schwierigen Momente der Enttäuschung und Entmutigung hinwegzuhelfen, bestärken wir sie darin, sich durch eine Sache hindurchzubeißen und einen erneuten Versuch zu wagen. Verfügt man damit nicht über eine ausgezeichnete Fähigkeit für sein späteres Leben?

Meine Schülerin Lauren meinte dazu: „Ich glaube, meine Ausdauer kommt daher, dass ich das Klavierspiel mit der Suzuki-Methode erlernt habe. Mir fallen vier Beispiele ein, in denen ich auch in anderen Situationen von meiner durch diese Methode erworbene Ausdauerfähigkeit profitiert habe:

  1. Wir haben vier Schwierigkeitsstufen in Mathematik, und ich war in Stufe zwei eingeteilt, war aber fest entschlossen, Stufe vier zu erreichen. Ich habe hart gearbeitet, um meinem Lehrer zu beweisen, dass ich es schaffen kann, und ich wurde höher eingestuft.

  2. Ich wollte mit meiner Fußballmannschaft an einem Turnier teilnehmen und habe deshalb in den Spielen und beim Training mein Bestes gegeben- und habe schließlich mein Ziel erreicht. Viele andere Schüler haben es nicht geschafft, weil sie einfach nicht entschlossen genug waren.

  3. Ich hatte mir für ein bekanntes Stück ein schwieriges Arrangement ausgesucht, und da ich gut spielen musste und wollte, ist es mir auch gelungen.

  4. Wenn ich in einer Arbeit eine schlechte Note schreibe, versuche ich herauszufinden, was schief gelaufen ist und was ich an meiner Lernmethode ändern sollte. Ich gebe nicht einfach auf und nehme es hin, dass ich es nicht besser kann.“


Besonders interessant finde ich, was eine Mutter auf einem meiner Seminare zu diesem Punkt zu berichten hatte. Von dem Fußballtrainer ihres Sohnes bekam sie das große Lob, dass er sich, wenn er auf einer einsamen Insel stranden und nur einen einzigen Menschen bei sich haben dürfte, für ihren Sohn entscheiden würde. „Ihr Sohn gibt niemals auf, und ich weiß, dass er einen Weg finden würde, wie wir wieder von dieser Insel kommen könnten.“ Die Mutter meinte hierzu: “Ich bin sicher, mein Sohn Steve hat diese Ausdauer in seinen neun Jahren als Suzuki-Schüler im Violinunterricht erworben und hat es gelernt, diese Fähigkeit auch auf anderen Gebieten zu nutzen.“

Laut Suzuki ist das Unterrichten in Intonation und Technik nie mehr als eine Methode. Und er meint weiter: „Wir müssen keine professionellen Musiker werden. Es reicht, mit dem Violinspiel groß zu werden. Wenn wir nämlich daran arbeiten, gut Violine zu spielen, entwickeln wir gleichzeitig die Fähigkeit, durch ausdauernde Arbeit Schwierigkeiten zu überwinden, und wir kommen dahin, auch die größten Hindernisse im Leben einfach zu überwinden.“3


Die Fähigkeit, innere Stärke zu entwickeln

Ein weiteres Gebiet, auf dem es gilt, Fähigkeiten zu entwickeln, wird sehr oft von Suzuki erwähnt: die Entwicklung innerer Stärke. Diese Fähigkeit oder Gabe ist sehr viel weniger konkret, sehr viel schwieriger zu fassen und zu verstehen, aber ich halte sie trotzdem keineswegs für einen weniger wichtigen Grund, sich mit der Suzuki-Methode zu befassen. Suzuki sagt, dass „Musik(unterricht) dazu dient, das Herz zu öffnen.“ Er meint weiter, dass „ein Kind, das mit Bach großgeworden ist, den aufrechten Charakter, die starke Persönlichkeit und die religiöse Feinfühligkeit entwickelt, die auch Bach besaß. Die Kraft, die in einem Kind den Willen zum Leben und Überleben weckt, lässt es auch die wesentlichen Merkmale der Bachschen Musik aufnehmen.“4

Was Suzuki damit sagen will, ist, meine ich, dass Ihr Kind, indem es der Musik lauscht, für die in der Musik angelegten Gefühle und Emotionen sensibilisiert wird. So wie ein Kind den in der Familie und Region gesprochenen Dialekt aufnimmt, lernt es durch ständige Konfrontation mit großer Musik auch, ein Gespür für die Feinheiten der Musik zu entwickeln.

Könnte man deshalb nicht sagen, dass die Suzuki-Methode, die soviel Wert auf das Hören legt, Kinder zu Menschen werden lässt, die in der Musik den Ausdruck von Freude und Trauer, Liebe, Mitgefühl und Heiterkeit hören und spüren können? Und sind dies nicht Fähigkeiten, die man als Herzensbildung bezeichnen könnte? Suzuki meint, dass es völlig ausreicht, wenn „Eltern das Kind so fördern, dass es zu einer fähigen und starken Persönlichkeit wird. Das Kind ist dann in der Lage, in seinem späteren Leben, seinen eigenen Weg zu gehen. Wenn Eltern ihrem Kind ein gutes Herz und gute Fähigkeiten mitgegeben haben, wie, andere zu lieben und  Liebe zu empfangen, haben sie ihre Aufgabe erfüllt. Der weitere Lebensweg wird sich ihrem Kind später öffnen, und die Eltern brauchen sich über den Erfolg ihres Kindes keine Sorgen machen.“5

Lehrer sollten den Eltern stets vor Augen halten, dass die Suzuki-Methode auf der Entwicklung von Fähigkeiten beruht...von ganz unterschiedlichen und sehr wichtigen Fähigkeiten, die dem Kind in seinem späteren leben weiterhelfen. Zwar denken Suzuki-Eltern und Suzuki-Schüler in erster Linie an das Erlernen eines Musikinstruments, wenn sie zu uns kommen, meiner Überzeugung nach ist es aber wichtig zu erkennen, dass es bei Suzuki eigentlich um die Entwicklung des ganzen Kindes geht.


(übersetzt von Ulrike Münz)


© 1995 J. Luedke. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck mit Genehmigung der Autorin. Weitere Artikel von Jeanne Luedke über die Unterstützung der Eltern bei der Suzuki-Methode sind im Abonnement erhältlich: Jeanne’s Parent Education Newsletter, Volume II und Volume III. Weitere Informationen sind im Internet unter www.parentnewsletter.com oder schicken sie eine E-mail an WJLuedke@aol.com.


1 Kohut, Daniel, Musical  Performance, Stripes Publishing Co., 10-12 Chester St., Champaign, Illinoi 61820, S.6

2 Corina, Jaquelyn Z. Shinichi Suzuki Daily Calendar

3 Suzui, Shinichi, Ability Development from Age Zero. Ability Development Associates, Inc. Athens, OH, S.67

4 Ebenda, S.40

5 Ebenda, S.58